Interview mit Kletterer und Abenteurer Paul Pritchard

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Ich treffe Paul in einem kleinen Stadthotel im Zürcher Niederdorf. Er trägt enge schwarze Jeans, ein hellgrünes Hemd und ein graues Jacket. Paul macht viele Pausen beim Reden, manchmal muss er nach den Wörtern suchen. Nach seinem Unfall am Totem Pole hat er ein Jahr im Spital verbracht, neun Monate lang konnte er nicht sprechen, noch immer ist er halbseitig gelähmt. Langsam fand er zurück ins Leben und hat letztes 2016, fast zwanzig Jahre später, die schicksalhafte Felsnadel im tasmanischen Meer erklommen. Am Banff Outdoor Filmfestival wird der Film über seine Geschichte gezeigt. Paul ist eine Kämpfernatur und hat eine positive Einstellung zum Leben. Trotzdem umgibt ihn ein Hauch von Melancholie.

Paul, wie hat es sich angefühlt, zurück an den Totem Pole zu gehen?
Für mich war es sehr wichtig. Ich war an jedem Jahrestag des Unfalls da und habe mir den Totem Pole angesehen. Vor vielleicht fünf Jahren dachte ich, ich würde wirklich gerne hochklettern. Letztes Jahr haben ein Freund und ich ein System entwickelt, mit dem ich an einem Seil hochsteigen konnte.

Wie hat sich das angefühlt, den Unfallort zu sehen?
Es kamen alle Gefühle von damals hoch. Ich hatte Mühe, auf das Podest zwischen den zwei Seillängen zu kommen, auf das Celia mich damals schwerverletzt gebracht hat. Ich konnte sie sehen, konnte sie hören, mir zurufen, du musst mir jetzt helfen. Es waren sehr starke Emotionen.

Hat sich viel verändert, nachdem du den Totem pole geklettert bist?
Ja. Ich musste das tun. Der Kreis hat sich damit geschlossen. Ich will nicht, dass sich mein ganzes Leben um diesen Felsen dreht – aber irgendwie schickt mich das Leben dahin. Aber es ist auch einfach ein wunderschöner Ort zum Klettern, ein tolles Abenteuer mit all den Leuten, die mir dabei geholfen haben.

Du bist mit Steve Monks geklettert?
Steve hat 1995 die erste freie Begehung gemacht. Ich wollte 1998 die Zweite versuchen. Steve hat die Route geräumt nach meinem Unfall. Es war ein spezieller Moment für uns beide. Uns verbindet eine tolle Freundschaft, die viel mit dem Totem Pole zu tun hat.

Du kletterst gerne schöne Felsnadeln, habe ich irgendwo gelesen?
Ja genau. Weil es keinen einfachen Weg hoch gibt. Egal welchen Weg du wählst, es ist immer eine Herausforderung. Das gefällt mir.

Du liebst Herausforderungen?
Ja. Wenn ich kein Abenteuer am Horizont habe, auf das ich mich freuen kann, dann wird das Leben sinnlos, nicht?

Suchst du einfach Abenteuer und Herausforderung oder sind diese für dich an die Berge geknüpft?
Ich liebe die Berge, sie sind mein Leben. Nach dem Unfall habe ich gemerkt, welch tolle Lehrer die Berge für mich waren. Viele von den Lektionen, die ich beim Bergsteigen gelernt habe, übertrug ich auf meine Genesung. Ich musste mich ebenfalls mit Angst beschäftigen. Nicht Angst abzustürzen, weißt du, mehr im übertragenen Sinn… Angst vor Veränderung vielleicht.

Hast du heute ein anderes Verhältnis zu Risiko?
Ja, auf jeden Fall. Ich habe zwei Kinder. Ich würde es nicht ertragen, sie zurückzulassen. Ich geniesse die Zeit mit ihnen zu sehr!

Wie ist das für dich, dass beide deiner Kinder klettern?
Ich unterstütze sie. Ich finde, es ist eines der besten Dinge, die man tun kann. Man kann so Vieles lernen vom Klettern, von den Bergen, vom draussen sein in der Wildnis . Entschlossenheit, Geduld und Akzeptanz; wir sind dafür gemacht, draussen unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Das Leben in der Stadt ist lustig. Aber ich glaube, wenn du zu lange da bist, macht dich das traurig.

Paul benutzt oft die Wörter Determination, patience und acceptance. Es sind wichtige Begriffe für ihn in seinem Leben

Du machst in einem deiner Filme die Aussage, dass du froh bist, nicht mehr auf diese hohen Berge klettern zu müssen?
Das war ein Witz. Aber im Ernst, sie sind schon gefährlich. Ich glaube, der Unfall hat mir das Leben gerettet, weil ich jetzt nicht mehr so klettern kann. Ich bin zu hohe Risiken eingegangen. Der Unfall war die Art der Natur mir zu sagen, ich soll ein bisschen bremsen.

Hat sich deine Einstellung zum Leben sehr verändert mit dem Unfall?
Ich musste lernen zu akzeptieren. Ich war immer sehr entschlossen. Mit Entschlossenheit kommt aber oft Ungeduld. Und wenn du in so grossen Zeitenspannen denkst, Jahrzehnte um gesund zu werden, musst du geduldig sein, sonst wirst du depressiv.

Hast du neue Pläne, ein nächstes Abenteuer?
Im nächsten September will ich vom tiefsten Punkt in Australien mit dem Fahrrad durch die Wüste auf den Gipfel des Mount Kosciuszko fahren. Und ich habe ein neues Buchprojekt zum Thema Bergphilosophie.

Hat dir das Schreiben geholfen nach dem Unfall?
Ja. Ich schrieb, weil ich keine Lust hatte, Day Time TV mit den anderen Patienten zu schauen. Und nach dem Unfall wusste ich, schreiben kann ich, das werde ich jetzt tun. Es hat mir auf zwei Arten geholfen. Schreiben und über den Unfall nachdenken war gute Therapie für mein Gehirn. Und ich habe über ein Jahr immer, immer wieder, jeden Tag über meinen Unfall nachgedacht. Das Schreiben hat mir über das Drama hinweggeholfen.

Hast du einen grossen Traum?
Ja, ich würde gerne auf einen Siebentausender steigen; ich habe einen im Tibet gefunden, der technisch einfach ist.

Du kletterst ja wieder. Vergleichst du dich manchmal mit anderen Kletterern?
Nein. Ich habe gelernt, dass das alles relativ und abhängig von deinen Fähigkeiten ist. Ich kann heute in einer 3b Route die gleiche, starke Erfahrung haben wie früher in einer harten 8a. Das ist alles was zählt für mich.

Klettern heisst ja auch im Moment leben?
Ja genau, es ist sehr meditativ. Sobald du den ersten Schritt vom Boden weg machst bist du nur noch im Moment. Das ist sehr speziell und auch wichtig. Wenn du einen Riss oder einen Grat kletterst hast du so unglaublich wenig Wahlmöglichkeit und gleichzeitig fühlst du dich so unglaublich frei.

Vielen Dank Paul für das Interview. 

 

Bild Quelle: Film Doing it scared / Banff Mountain Film Festival 2017

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