Prozession in San Cristóbal

Jilotepec, Chonta, Oaxaca und San Cristóbal: Klettern und Cultura in Mexiko

Gepostet von

Gastbeitrag von Kathrin Niedurny 

Nach unseren ersten Wochen im Norden Mexikos ziehen wir weiter gen Süden. Eine Woche lang erkunden wir die Museen, Restaurants und Boulderhallen von Mexiko-Stadt, danach geht es weiter durch Klettergebiete und Kolonialstädte. Wir verbringen mehr als einen Monat auf etwa 2.000m Höhe in Zentral- und Südmexiko, erklimmen Felsen und Pyramiden und treten sogar als internationale Gäste im Werbevideo eines Klettergebiets auf.

Konglomerat vom Feinsten bei Mexiko-Stadt

Nur 90km nördlich der Hauptstadt liegt Jilotepec de Molina Enríquez. Das Klettergebiet im nahen Park Las Peñas kennen wir bereits von Videos und machen uns voller Vorfreude auf den Weg. Mit einem Auto lohnt sich die Anreise auch für einen Tag, wir nehmen die langsamere Variante mit dem Linienbus und bleiben mehrere Tage. Das Provinzstädtchen mit der schönen Plaza und den vielen Geschäften gefällt uns auf Anhieb und wir finden gleich einen Taxifahrer, der das Klettergebiet kennt.

Die ersten Wände befinden sich direkt am Parkplatz, zu den anderen Sektoren sind es nur wenige Stufen nach oben. Wir haben kein Topo, doch die drei Locals, die wir am Fels treffen, kennen alle Routen. Leider enttäuscht der Sektor Día de Campo mit seinem grossen Überhang: Einige Griffe wurden in den Stein geschlagen. Zudem sind viele Haken rostig und die ersten Bolts sind verletzungsgefährlich hoch angebracht. Wir versuchen es mit einem selbstgebastelten Clipstick, sind aber nicht sicher, ob die nächsten Haken bei einem Sturz halten würden und brechen lieber ab. Schade.

Am besten gefallen uns die Routen am Parkplatz. Hier kommen Kletterer zwischen 5c und 7a voll auf ihre Kosten und die Haken sind in besserem Zustand. Am Anfang zögern wir noch, die teilweise weit aus der Wand ragenden Steinchen voll zu belasten. Doch das vulkanische Konglomerat ist massiv und die Kletterei macht hier richtig Spass.

Neben dem Klettern lohnt sich ein Aufenthalt in Jilotepec auch, um einmal das ganz normale mexikanische Kleinstadtleben kennenzulernen. Hier gibt es keine Touristen und wir Europäer werden überall sehr herzlich und interessiert empfangen. Am dritten Tag treffen wir am Fels auf ein Filmteam des lokalen Tourismus-Büros. Sie bitten uns um einen Beitrag für ihr Werbevideo und so schwärmen wir von den Felsen und der Nähe zu Mexiko-Stadt (wir sind zu höflich, um auf die rostigen Haken hinzuweisen).

Konglomerat in Jilotepec

Beindruckend und abweisend: die riesige Chonta-Höhle

Nach einem Besuch des Weltkulturerbes Teotihuacán, wo wir zur Abwechslung nur auf Pyramiden kraxeln, geht es weiter nach Taxco de Alarcón im Süden von Mexiko-Stadt. Der Zustieg zu dem Klettergebiet Chonta wird in einem Blog abenteuerlich beschrieben: Man bräuchte unbedingt einen Führer, beim Landbesitzer seien Esel für das Gepäck zu mieten, die Anreise für einen Tag sei zu weit, es werde empfohlen, in der Höhle zu biwakieren.

Wir sind nicht sicher, ob wir zu zweit in der mexikanischen Wildnis übernachten möchten und reisen erst einmal nach Taxco. Und haben Glück: Der Hotelbesitzer kennt einen lokalen Tourguide, der uns am nächsten Tag auf einem anderen Weg in die Höhle führt. Auf dem Land eines nahe gelegenen Bauernhofs liegt Chontalcoatlan, ein unterirdischer Fluss, wo er im Frühjahr Canyoning-Touren anbietet. So braucht man nur etwa 45min zum Fels. Wir zahlen der Landbesitzerin eine kleine Eintrittsgebühr und machen uns auf den Weg.

Als wir in Chonta ankommen, ist unsere Reaktion gespalten. Die 6b-Kletterin bemängelt: ein dunkles, abweisendes Loch ohne Aussicht mit unheimlicher Atmosphäre und aggressiven Moskitos. Der 8a-Kletterer sagt zur Abwechslung nichts und staunt mit offenem Mund. Die einfache Anreise per Taxi oder Kleinbus und die Schönheit der Kolonialstadt Taxco überzeugen mich, dennoch zu bleiben: Eine Woche verbringen wir in Taxco, gehen tagsüber klettern und besuchen abends das gerade stattfindende „Silberfest“ mit tollen Konzerten.

Kolonialstadt Taxco

Zu wild feiern wir aber nicht, denn in Chonta sind Kraft und Ausdauer gefragt: Die Routen sind bis zu 50m lang und die schönsten Linien im Bereich 7b+ und höher angesiedelt. Während mein Partner in den nächsten Tagen El Amate Amarillo, La Bocina (beide 5.12c/7b+) und Tigrillo (5.13b/8a) klettert, beschränke ich mich auf den Rand der Höhle mit Routen ab 5.10d/6b+.

Nachdem wir tagelang alleine in der riesigen Höhle waren, wird es am Wochenende auf einmal voll. Eine Gruppe aus Mexiko-Stadt ist angereist und gibt uns Tipps für die Weiterreise. Nach einer Woche (und mit vielen Moskito-Stichen) geht es mit einem Zwischenstopp in Puebla weiter nach Oaxaca de Juárez.

Beeindruckendes Chonta

Frühsport in San Sebastián Tutla

Die Kletterer in Chonta haben uns den Tipp gegeben, in der Kletterhalle „Muro de Escalada Mondragón“ nachzufragen. Dort gibt es auch tatsächlich ein kleines Topo-Heftchen zu kaufen und der Besitzer ist so nett, uns eine Skizze für den Weg zum nahe gelegenen Fels aufzumalen. An nächsten Morgen fahren wir also per Taxi vom Stadtzentrum in den Vorort San Sebastián Tutla. Ein Einheimischer weist uns den richtigen Pfad und wir müssen nicht lange suchen, bis wir den Fels entdecken.

Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Wir finden schöne, gut abgesicherte Routen vom 5. bis 7. Franzosengrad wie Radamantis (5.12c/7b+) oder den Klassiker Pies descalzos (5.10a/6a). Einziger Nachteil ist die bereits mittags erscheinende Sonne. Doch das stört uns nicht: Die nächsten Tage heisst es, morgens früh raus und klettern bis um 12 Uhr. Danach laufen wir nach San Sebastián Tutla zurück, nehmen ein ausgiebiges Mittagessen zu uns und fahren per Sammeltaxi zurück ins Stadtzentrum. Den Rest des Tages besichtigen wir Sehenswürdigkeiten wie die zapotekische Kultstätte Monte Albán oder sitzen in den Cafés am Zócalo und lesen.

Kulturelles Highlight mit sportlichen Schwächen

Per Nachtbus geht es weiter zu unserem nächsten Ziel San Cristóbal de las Casas im Bundesstaat Chiapas. Am Morgen wundern wir uns über die Fackelläufer, die wir immer häufiger auf der Landstrasse sehen, nach unserer Ankunft löst sich das Rätsel: Wir sind pünktlich zu den zweitägigen Feierlichkeiten der Virgen de Guadalupe angekommen, bei denen Pilger die Statue der Jungfrau in der Iglesia del Cerrito im Stadtzentrum besuchen. Wir erleben eine faszinierende Mischung aus Wallfahrt und Volksfest. Singende Pilgergruppen ziehen durch die von Buden und Fahrgeschäften gesäumte Altstadt und auch wir stürzen uns – trotz der nächtlichen Kälte – ins Getümmel.

Auch hier wissen wir nur, dass es ein Klettergebiet in der Nähe gibt und wir weitere Informationen in der lokalen Boulderhalle bekommen können. Und tatsächlich erklärt uns der freundliche Boulderer dort gerne den Weg zum Arcotete und wir können ein improvisiertes Topo fotografieren: Die Routen wurden einfach auf ein Foto des Felsbogens gekritzelt.

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus zu dem Freizeitpark. Die meisten Besucher kommen zum Spazieren oder nutzen eine der Grillstellen, gegen eine Zusatzgebühr darf man klettern. Was für ein malerischer Ort! Der Felsbogen spannt sich über einen Fluss, zwei Routen (6a und 6b) erreicht man nur über eine Hängebrücke. Viel Auswahl gibt es hier nicht, wir identifizieren noch eine 6c mit einer Verlängerung in 7b+ sowie eine 8a+. Die 8a+ zieht sich über den ganzen Bogen, doch ausgerechnet im Überhang in der Bogenmitte besteht ein Griff aus Kreide. Die Oberfläche löst sich bei jeder Berührung in Staub auf, der Durchstieg ist nicht möglich. Wir beenden unseren zweiten Klettertag in Arcotete also mit einer komplizierten Abbau-Aktion im Felsbogen und nutzen die nächsten Tage, um San Cristóbal und Umgebung besser kennenzulernen. Besonders gefällt uns eine Tour nach Chamula und Zinacantán, wo wir die Trachten und Kirchen der Tzotzil-Volksgruppe bestaunen.

San Cristóbal-Arcotete

Fazit Klettern in Mexiko: bunt, abwechslungsreich und viel zu entdecken

Mit unserer Weiterfahrt nach Villahermosa endet der zweite Teil unserer Reise. Für uns geht es noch ein paar Wochen weiter zu Ruinen, in den Dschungel und an Karibikstrände, wir besteigen dabei aber nur noch Pyramiden.

Wir sind froh, Mexiko als Reiseziel gewählt und haben die Mischung aus Klettern und Kultur sehr genossen. Die vielen Sicherheitswarnungen haben sich glücklicherweise als unbegründet herausgestellt. Wir haben uns die ganze Zeit wohl und sicher gefühlt, auch wenn wir alleine am Fels unterwegs waren. Empfehlenswert ist es, zumindest ein wenig Spanisch zu sprechen; wir waren sehr froh, uns überall mit den Einheimischen unterhalten zu können und es hat uns die Organisation vereinfacht.

Das Klettern steckt in Mexiko noch in den Kinderschuhen. Es ist daher zwar manchmal etwas kompliziert, an Informationen zu kommen, dafür gibt es viel Neues zu entdecken. Für eine kürzere Kletterreise ist nur El Potrero Chico zu empfehlen. Wer aber etwas mehr Zeit hat und nach einer Kombination aus Klettern und Rundreise sucht, wird in Mexiko sicher glücklich.

Lieblingsgebiete
Chonta (ab 7. Grad), San Sebastián Tutla (5. bis 7. Grad)

Für uns typisch (Zentral-)Mexiko
Klettern und Kultur, bunte Volksfeste, improvisierte Boulderhallen, keine Topos und immer schön durchfragen

Wann waren wir da
November und Dezember 2017

Kletterführer
The Mexican Rock Climbing Guidebook Central/South von Oriol Anglada – leider vergriffen

 

Autorin Kathrin Niedurny 

Kathrin Niedurny

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