Sterbende Eisriesen

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Grau und Schwarz. Dunkles Weiss. Schmutz, Schlamm, Dreck, schwarze Schlieren und Adern aus zähem, schleimigem Dreck. Dünne Rinnsale laufen über das Eis, zwischen Felssplittern, unter Kies und Sand. An manchen Stellen glitzert das Eis durchsichtig, wie kleine Bergkristalle, in denen sich die ersten Sonnenstrahlen des Tages brechen. Schwarzeis. Aper. Dunkel. Verschiedene Töne aus Grau und Schwarz. Tot. Nicht blau und schimmernd oder durchsichtig weiss wie an den majestätischen Eissäulen im Winter. Grau, schwarz und tot.

Schmerzt es den Gletscher, wenn wir die scharfen Metallzacken unserer Steigeisen in seine Haut rammen? Ein Stechen bei jedem Schritt? Liegt seine Haut schutzlos ohne Firn, bloss und verletzlich? Oder ist sie schon lange abgehärtet, ledern und gefühllos von der brennenden Sonne und den schwarzen, schweren Steinen? Würden wir ihn schreien hören, stöhnen, ächzen unter dem Gewicht der vielen Bergsteiger? Eine Gletschermühle, ein Loch und ein tiefer, schwarzer Abgrund. Hier geht es direkt ins Herz des Gletschers. Was würde man dort finden? Die stille Trauer einer sterbenden Seele? Ein stummer Aufschrei, nach Hilfe, nach Kälte? Wir gehen auf einem sterbenden Gletscher. Oder bereits auf einer Leiche? Es knackt unter unseren Füssen, ächzt, stöhnt. Der Gletscher leidet an Schwindsucht. Er kämpft seinen letzten Kampf, um sein Leben, einen Todeskampf. Er wird ihn verlieren. Er wird verschwinden, lange wird es nicht mehr dauern. An Wunder glaubt er schon lange nicht mehr. Dann werden wir unseren Kindern erzählen. Von früher, von den grossen Eismassen, den stolzen Gletschern, die anmutig und weiss die Berge bekleideten, hinab flossen in die grünen Wiesen, sich durch die Täler wanden wie weisse, glitzernde Flüsse. Es werden nur noch Geschichten bleiben. Schutt, Geröll, Sand und Schlamm.

Irgendwann werden dünne, hellgrüne Grashalme zaghaft zwischen den Steinen hervorlugen. Immer mehr, immer dichter. Bergblumen, violett, gelb und rosa werden die düsteren Schutthalden bewohnen. Ist das der normale Lauf der Dinge? Alles ist im Fluss, verändert sich, weil Stillstand Rückschritt bedeutete. Werden sich irgendwann neue Eismassen die Bergflanken hinunterwälzen? Wird eine neue Generation ehrfürchtig staunen über die erhabenen weissen Riesen? Wir leisten Sterbehilfe.

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