Die toten Drachen der Eisprinzessin

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Weisser Granit, roter Gneis, grün schimmernde Silikate, vor Jahrmillionen entstanden. Von Gott höchstpersönlich am dritten Tage erschaffen. Oder durch den Urknall, wer weiss das schon so genau. Mächtige Berggipfel, Felsen, Nadeln, Türmchen, scharf gezackte Grate, deren Silhouetten sich dunkel gegen den blauen Himmel abzeichneten. Felsblöcke und Brocken, wild durcheinandergeworfen, zufällig oder hatte doch alles seine geheime Ordnung? Türkisgraue Seen, die matt in der Sonne glitzerten, die weissen Gipfel auf ihren glatten Oberflächen spiegelten. Das Wasser kräuselte sich im Wind, das Bild verwischte. Weisse Zungen leckten an den grünen Blumenwiesen im Tal, wanden sich die Flanken herab. Wie die Leiber urtümlicher Drachen. Weisse Dämonen der Vergangenheit. Die stummen Wächter der Eisprinzessin, die damals noch in den Berggipfeln wohnte. Ihr Schloss, eine Festung aus Felsen und blauem Eis. Sie herrschte erhaben über die Täler, ihren Blick gegen den Himmel gerichtet. Was interessierte sie das Gewürm unten im Tal. Sie unterhielt sich lieber mit den Wolken, der Sonne und traf sich auf ein Schwätzchen mit Herrn Mond.

Manchmal versuchten die irdischen Prinzen hochzusteigen, zu ihr, ihre Festung zu erklimmen. Arme Bauernsöhne, die glaubten, sie wären Eisprinzen. Nur die mutigsten und verwegensten riskierten den Weg in die Berge. Sie suchten das Abenteuer und den Sieg. Belustigt schaute die Prinzessin zu, wie sie sich quälten, abmühten und erbärmlich strampelten, wie kleine Käfer. Sie schufteten und schunden ihre hageren Körper. Langsam nur kamen sie voran, in schweren Wolljacken, gestützt auf lange Pickel mit hölzernem Schaft. Wonach suchten sie? Wussten sie von der Prinzessin? Was erhofften sie zu erobern? Den Gipfel, die Freiheit, den Sieg – die Prinzessin als Trophäe?

Kamen sie zu nahe, bliess die Prinzessin unberührt weisse Kristallflocken hinab, ihr Atem stiebte, schneidend, eisig und todkalt wirbelte er in einem Schneesturm um die Bergflanken, über die Gletscher, vernebelte die Sinne der Söhne des Tals, so dass sie sich verirrten und erbärmlich erfroren. Manch einem besonders hartnäckigen warf sie Eissplitter oder gar Felsbrocken vor die Füsse, den Frechsten an den Kopf. Übermütig sollten sie nicht werden. Angst hatte die Prinzessin nicht. Sie wurde bewacht von den weissen Drachen, welche die Zugänge zu ihrem Schloss in die mächtige Rüstung eines dicken Eispanzers hüllten. Gespickt mit Gletschermühlen, gefährliche Spalten und gewaltigen Abbrüchen hielt das Gletscherlabyrinth Eindringlinge fern.

Eines Tages aber weckte die Eisprinzessin den Zorn der Sonne. Sie war ihr schon immer ein Dorn im Auge gewesen, mit ihrer Hochnäsigkeit, undankbar für die hellen Strahlen, welche sie ihr jeden Tag schenkte und die ihr Schloss glitzern und funkeln liessen und sie weit herum bekannt machten. So beschloss die Sonne, gemeinsame Sache zu machen mit den irdenen Würmern. Sie fühlte sich erhaben und wohltätig, in dem sie den armen, hilflosen Bauernmenschen unten im Tal half. Richtig edel kam sie sich vor. Zusammen ersannen sie eine fiese List, wie sie die Prinzessin von ihrem hohen Gipfel herunterholen könnten. Klimaerwärmung! Das war der schlaue Plan, den sie austüftelten. Die mächtigen Eispanzer der Drachen würden dahinschmelzen, die Mauern bröckeln, das Schloss ohne den Klebstoff Permafrost zusammenbrechen. Die Hänge würden mit saftigem Gras und gelben Butterblumen für die Tiere der Bauern überwuchert.

Jetzt können sie hochsteigen, die Bauernsöhne. Eisprinzen sind sie keine mehr. Felskönige vielleicht, die Besten unter ihnen. Sie gehen über weite Trümmerfelder aus Schotter, Schutt und totem, schwarzem Eis. Grosse Felsbrocken liegen überall, dünne Rinnsale aus letztem Schmelzwasser schlängeln sich im grauen Sand. Auf den toten, halb begrabenen Leibern der einst so stolzen Gletscherdrachen schreiten sie dem Gipfel entgegen, der jedes Jahr ein bisschen kleiner wird. Sie suchen noch immer nach der Freiheit, dem Sieg, dem Ruhm auf den Gipfeln, in denen einst die Eisprinzessin herrschte. Vielleicht suchen sie nach ihr, zwischen den vielen Türmchen und Felsnadeln der scharfgezackten Grate, die noch immer dastehen und ihrem Untergang noch etwas trotzen. Die Eisprinzessin jedoch bleibt verschwunden.

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