Warum sind wir nicht so glücklich wie auf Instagram?

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Glück ist eine Erwartung, die an uns gestellt wird. Wir wohnen schliesslich in der Schweiz, in Zürich, der reichsten Stadt der Welt. Wow, wenn das mal nicht reicht. Dafür haben wir aber eine ziemlich hohe Suizidrate finde ich. Das schockiert, regt zum Nachdenken an – was stimmt hier nicht, warum sind wir nicht glücklich? Wir haben alles, über die Versorgung der Grundbedürfnisse sind wir längst hinaus. Wir quälen uns mit Luxusproblemen und Fragen der Selbstverwirklichung. Wir sind frei, reich, unser Land politisch stabil, wir haben alles, versinken in materiellem Luxus und sind trotzdem nicht glücklich. Sind wir einfach undankbare Gierhälse? Haben wir einfach noch nicht genug, wollen wir immer noch mehr? Oder haben wir schon zuviel? Suchen wir das Glück am falschen Ort? Suchen wir es in Geld, Ablenkung, Unterhaltung, Reichtum und Luxus? In Status, Ansehen, Weltreisen, Villen und teuren Autos?

Ich glaube nicht, dass wir wirklich so frei sind. Natürlich, wir können unser Leben gestalten wie wir wollen, den Beruf lernen den wir wollen, studieren, heiraten wen wir wollen, wohnen wo und wie es uns passt. Wir haben Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und direkte Demokratie.

Aber so frei sind wir eben doch nicht. Unausgesprochene Erwartungen, gesellschaftliche Zwänge, ungeschriebene Normen und der Anspruch, glücklich zu sein, hindern uns, ganz frei zu entscheiden.

Vielleicht ist es gerade der Überfluss, der uns unglücklich macht, der Überfluss an Möglichkeiten. Je mehr Auswahl, desto mehr verpasst man. Und Verpassen macht unglücklich. Wir haben FOMO (Fear Of Missing Out) – Angst, etwas zu verpassen. Noch kein anerkanntes Krankheitsbild zwar, aber Wikipedia weiss Bescheid über die Angst unserer Gesellschaft. Wir haben Angst, etwas von dem zu verpassen was alle anderen haben und erleben, man sieht es ja auf Facebook! Jeder hat ein scheinbar perfektes Leben, kriegt Karriere, Kinder, Hobbies, Kollegen, Ausgang mit links auf die Reihe. Zudem sind sie immer wie aus dem Ei gepellt. Da kommt man sich ziemlich doof vor, wenn man nur einen Berg pro Wochenende besteigt und dabei eher schief in die Kamera grinst… Scheinwelten. Aber der Druck, mitzuhalten und um jeden Preis glücklich zu sein ist gross – und macht unglücklich. Man macht sich Vorwürfe, weil man nicht die ganze Zeit grinsend wie ein Honigkuchenpferd durch die Gegend läuft. So vieles, für das man dankbar sein müsste, so viele Optionen wie man sich selber verwirklichen kann, da hat man gefälligst glücklich zu sein! Aber wer sieht schon hinter die Fassaden. Wer kennt die Szene hinter dem Instagram. Burnout ist eines der sichtbaren Symptome, Leute, die es einfach nicht mehr schaffen, die glückliche Fassade aufrecht zu erhalten. Ausgebrannt, leer von der Meisterleistung des Schein-Glücklichseins und den nagenden Gedanken, weil sie es doch nicht sind. Werbung verspricht Glück, wenn wir immer noch mehr kaufen und besitzen, Konsum, Reichtum, schicke Häuser und Autos. Um das zu finanzieren braucht man einen super Job, der viel Geld bringt aber vielleicht total öde und mühsam ist – oder einfach nicht das, was man gerne den ganzen Tag lang machen möchte.

Vielleicht müssen wir woanders suchen. Bei den viel einfacheren und grundlegenderen Dingen. Uns über kleine Dinge freuen, zufrieden sein mit dem was wir haben. Nicht mehr über den Gartenzaun schielen, wo das Gras immer grüner scheint. Im Hier und Jetzt leben und uns keine Sorgen um Morgen machen, keine Gedanken an Dinge verschwenden, die wir nicht ändern können. Das ist ein Teil meiner Faszination fürs Bergsteigen. Draussen in der Natur ist nur das Hier und Jetzt wichtig, weiterkommen und übertrieben gesagt, überleben. Essen, Trinken, ein Platz zum Schlafen, das sind essentiellen Dinge. Irgendwie befreiend. Vielleicht ist der Mensch auch gar nicht dafür gemacht, zuviel wählen zu können. Vielleicht wäre es mehr unser Wesen, uns um die grundlegenden Probleme wie Überleben und Essen zu kümmern. Manchmal habe ich das Gefühl, das ist es, was uns wirklich zufrieden macht. Ich glaube, es sind die kleinen Dinge im Leben, die den grossen Unterschied machen. Ich mache nicht jedes Wochenende eine Weisshornüberschreitung. Wenn ich mich nur daran erfreuen würde, mein Leben wäre sehr öde. Es gibt jeden Tag so viele kleine Dinge, über die man sich freuen kann. Der Kaffee am Morgen, das Lächeln eines geliebten Menschen, die Sonne auf der Haut. Diese Lektion habe ich von meinem Grossvater gelernt – man hat ein viel fröhlicheres Leben durch die kleinen Alltagsfreuden.

Wir müssen uns erlauben, manchmal traurig zu sein. Wütend, unzufrieden. Einfach mal richtig stinkig sein. Immer nur glücklich sein hält keiner aus, das ist zu anstrengend. Wir müssen aufhören, uns unter Druck setzen zu lassen wir hätten dauernd glücklich zu sein, weil es alle anderen sind. Momentaufnahmen erzählen die manchmal sehr tragischen Geschichten dahinter nicht.

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