Assistenzbeitrag – Freiheit für Menschen mit einer Beeinträchtigung

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Ist Freiheit physisch? muss man buchstäblich gehen können, wohin man will? Oder ist Freiheit eine Einstellung, eine Geisteshaltung? Kann man im Kopf frei sein, aber physisch eingeschränkt? Wer definiert, was Freiheit für jeden von uns bedeutet? Wann fühlst du dich frei? Wenn du keine Termine hast, Zeit für dich, tun kannst was du willst? Oder wenn du deinen Beruf wählen kannst? Freiheit ist ein grosses Wort mit sehr vielen Assoziationen. Der Begriff Freiheit ruft viele Gefühle und Bilder hervor. Ein Adler, der am Himmel erhaben seine Kreise zieht. Ein junger Backpacker, zu Fuss in Vietnam auf der Durchreise, ohne Verpflichtungen, ohne Plan wohin es ihn als nächstes zieht. Das ist für viele das pure Klischee der Freiheit. Aber ist Freiheit nicht auch in unserem Kopf, in unseren Gedanken? Und ist Freiheit nicht vielmehr etwas, was wir in der Gestaltung unseres Alltags haben?

Wer kocht deinen Kaffee?

Freiheit ist Eigenständigkeit, Eigenverantwortlichkeit für unser Leben. Selbstbestimmung. Für dich ist es wahrscheinlich selbstverständlich, selber wählen zu können ob du in einem Reihenhaus, einer WG, auf einem kleinen Bauerndorf oder in Zürich wohnst. Du bestimmst, ob du Jeans oder ein Hemd anziehst, ob du Zopf oder Joghurt frühstückst. Ob du mit dem Velo oder mit einem alten Golf zu deinem Schreibtisch oder in dein Klassenzimmer fährst, oder ob du Gärtner bist und draussen Bäume schneidest. Vielleicht fühlst du dich nicht besonders frei, nur weil du dein Frühstück selber wählen kannst. Es ist ja auch etwas Normales, Unbedeutendes. Ich nehme es auch kaum wahr, ausser der Kühlschrank ist mal wieder leer und ich muss mir auf dem Weg ins Atelier beim Bäcker was holen. Dabei gibt es viele Menschen, die genau das nicht können. Weil sie eingeschränkt sind, physisch oder psychisch und darum auf Hilfe und Betreuung angewiesen sind. Die Möglichkeiten der Wohnungswahl sind beschränkt, viele wohnen deshalb in einer Institution. Dort gibt es für alle das gleiche Frühstück, um die gleiche Zeit. Alle werden zu einer vorbestimmten Zeit von den Pflegenden aufgenommen, angezogen und jene, welche in der Lage dazu sind, an den Tisch gesetzt. Wer körperlich eingeschränkt ist, büsst viel von seiner Selbstbestimmtheit ein. Aber ist das die unausweichliche Konsequenz?

Ist es nicht, wie mir Severin, ein junger Rechtsanwalt erklärt. Ich lernte ihn und einen seiner Assistenten auf der Hochzeit eines Freundes kennen. Er ist auf den Rollstuhl angewiesen und braucht für Dinge wie Essen, Trinken oder Aufstehen Unterstützung. Immer, jeden Tag, sein ganzes Leben lang. Auch in sehr intimen Situationen. Ferien davon gibt es nicht. Severin kann seinen Alltag nicht einfach verlassen. Keinen Sabbatical nehmen und auf einem Adventure-Trek in Nepal Freiheit schnuppern. Deine wahrscheinlich so selbstverständliche Freiheit, zu gehen, physisch, wo immer du gerade hinwillst, kennt er nicht.

Wer frei sein will muss mutig sein

Severin hat sich seine Freiheit aber ein Stück zurückgeholt. Der Assistenzbeitrag der Invalidenversicherung ermöglicht Menschen mit einer Beeinträchtigung Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Wobei der Teil mit der Verantwortung nicht zu unterschätzten ist. Seine Freiheit ist nicht umsonst, sie ist hart erkämpft und braucht viel Mut, jeden Tag. Mit der Freiheit kommen viele Pflichten. Du kennst das ja, die Steuererklärung ausfüllen, Belege zusammensuchen, Papierkram erledigen, Versicherungspolicen wälzen. Für den jungen Anwalt ist es genau so – bloss viel mehr davon. Seit er aus der Institution ausgezogen ist, liegt es in seiner alleinigen Verantwortung, ob am Morgen jemand kommt, ihm aus dem Bett in den Rollstuhl hilft und Tee kocht. Spontan sein ist für ihn fast unmöglich, denn er ist Arbeitgeber. Seine Assistenten sind seine Mitarbeiter. Er erstellt ihre Arbeitspläne schon Wochen im Voraus und muss für Ersatz sorgen, wenn jemand krank ist. Dazu kommt ein Haufen Bürokratie. Ich erinnere dich an deine Steuererklärung…

Und wie funktioniert das nun?

Anstelle von Spitex Pflege erhält Severin einen monatlichen Betrag, der anhand von Pflegestufe und benötigter Hilfe errechnet wird. Mit diesem Geld entlöhnt er seine Assistenten. Er muss seine Assistenten selber suchen, interviewen, einarbeiten und er ist für die Verträge, Sozialversicherungen, pünktliche Lohnzahlungen, Arbeitspläne, Zeiterfassung und Arbeitszeugnisse usw. verantwortlich.

Konkret heisst das: erkrankt einer der Assistenten über Nacht an Grippe und kann seine Schicht nicht antreten, ist Severin selber für Ersatz verantwortlich. Findet er niemanden, bedeutet das im schlimmsten Fall: er bleibt im Bett liegen und kann nicht in seine Kanzlei. Severin hat zwölf Angestellte mit jeweils kleinen Pensen. Ein Erfahrungswert, zu Beginn hatte er viel weniger Assistenten, Ausfälle waren schwierig zu decken, was zu unangenehmen Erlebnissen führte.

Ich frage ihn, ob es einfach ist, gute Assistenten zu finden? Die meisten sind Studenten, manche kennt er von seiner eigenen Studienzeit an der Hochschule St. Gallen. Flexibel müssen sie sein, sehr zuverlässig und sie dürfen keine Berührungsängste haben. Die Pensen sind eher klein und Severin kann nicht besonders hohe Löhne bezahlen, der Bund hat den Assistenzbeitrag knapp bemessen. Seine eigene Zeit, welche er für den administrativen Aufwand benötigt, bezahlt ihm keiner. Das muss er neben seinem Job als Rechtsanwalt in seiner Freizeit erledigen. Ist das der Preis für die Freiheit, welche ihm der Assistenzbeitrag ermöglicht? Diese Frage mag sich Severin nicht stellen. Für ihn lohnt es sich. Er lebt selbstbestimmt in einer WG zusammen mit einem Kollegen. Er kann seine Tage gestalten wie er möchte (solange er dafür einen Assistenten findet). Die Alternative wäre eine Institution, mit fixen Zeiten fürs Essen, Aufstehen und Schlafen gehen. Aber zu unterschätzen sei die Lebensweise mit dem Assistenzbeitrag schon nicht. Man muss sich organisieren, den Kopf beieinander haben, seriös planen und die Assistenten gut auswählen und einarbeiten. Ein Modell, das sich nicht für jeden eignet, aber viel Freiheit und Lebensqualität für Menschen wie Severin bedeutet.

Es ist ihm ein Anliegen, dass mehr Menschen den Assistenzbeitrag nutzen können. Darum arbeitet er an einem Projekt, welches die Hürden und den Aufwand verringern soll für Menschen, die in der gleichen Situation sind wie er. Mit Geschäftspartnern will er eine digitale Plattform aufziehen, welche Menschen mit Beeinträchtigung mit Assistenten zusammenbringen soll und die mit Tools wie Zeiterfassung oder Vorlagen für Arbeitspläne den Aufwand erheblich mindert. Andere sollen es einfacher haben mit der Rückeroberung der Freiheit als er.

 

Der Assistenzbeitrag wurde 2012 eingeführt. Er wird von der Invalidenversicherung des Bundes finanziert. Nebst diesem Beitrag erhält eine Person mit Beeinträchtigung weitere Leistungen wie Hilflosenentschädigung und Ergänzungsleistungen, je nach Schwere der Beeinträchtigung und finanzieller Situation. Möchte man den Assistenzbeitrag erhalten, stellt man einen Antrag an die IV. Darauf folgt ein aufwändiges Abklärungsprocedere. Unterstützung für den administrativen Aufwand gibt es sehr wenig, etwa durch Beratung von gemeinnützigen Organisationen wie Pro Infirmis, aber nicht von der IV. Heute nutzen etwa 2000 Personen in der Schweiz diese Möglichkeit.

 

Severin Bischof

wetter bischof
Advokatur & Notariat
www.wetter-bischof.ch

 

Links zum Thema Assistenzbeitrag

https://de.wikipedia.org/wiki/Assistenz_(Behindertenhilfe)

https://www.proinfirmis.ch/behindertwastun/assistenz/assistenzbeitrag.html

https://www.myhandicap.ch/recht-behinderung/invalidenversicherung/fakten-assistenzbeitrag/

http://insieme.ch/politisches-engagement/invalidenversicherung/einfuhrung-des-assistenzbeitrags/

https://www.bsv.admin.ch/bsv/de/home/sozialversicherungen/iv/grundlagen-gesetze/leistungen-iv.html

https://www.svazurich.ch/assistenzbeitrag

https://www.assistenzbuero.ch

Ich möchte Assistent*in werden! …

https://www.facebook.com/groups/192373078246268/

 

Bild: Eine Stadt, in der verschiedenste Menschen zusammenleben. Aufgenommen aus der Freiheit der Luft.
Quelle: images.pexels.com

3 Kommentare

  1. In Deutschland gibt es ein neues Bundesteilhabegesetz, dass den Zugang zu Assistenzleistungen verbessern soll. Aus Eigener Erfahrung weiß ich aber wie schwer es ist Assistentinnen oder Assistenten zu finden. Der Aufwand den Du beschreibst klingt ein bisschen wie das Führen eines mittelständischen Betriebs. Mit seelischen oder geistigen Beeinträchtigungen nicht ganz unproblematisch.

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    1. Genau! Du hast das ganz treffend formuliert, es ist tatsächlich wie das Führen eines kleinen Betriebes – ausser, dass man noch nicht mal Lohn dafür bekommt 😦 Darum finde ich es so wichtig, dass mehr Leute Bescheid wissen und alle unterstützt werden, die in irgendeiner Form die Hürden mindern wollen, wie Severin mit der Entwicklung der Plattform. Wie ist es denn sonst in Deutschland organisiert?

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      1. Man kann sich ein Budget auszahlen lassen, dass in der Höhe vom Grad der Einschränkung abhängt oder man kann eine etwas höhere Sachleistung in Form von Fachdiensten beantragen. Eine Mischform ist auch möglich. Die Fachdienste haben leider sehr lange Wartezeiten wie ich aktuell erfahren musste. Es gibt wohl zu wenig qualifiziertes Personal.

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