Anna wartet

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Schon eine Ewigkeit. Auf den Frühling. Auf den Sommer. Auf ihren Cappuccino. Auf den Zug. Auf Weihnachten. Auf den ersten Schnee. Auf die Liebe. Anna wartet seit 43 Jahren. Ihr Leben besteht nur aus Warten, so kommt es ihr jedenfalls vor. Hätte sie die Minuten gezählt, die sie mit Warten verbracht hat, Anna würde ganz schwindlig von so viel verschwendeter Zeit. Ihr Leben steht auf Pause. Alle anderen sind beschäftigt. Sie eilen die Strasse entlang, als hätten sie Wichtiges zu erledigen. Was sie wohl tun? Anna beobachtet eine Frau mit braunem Pferdeschwanz und gelbem Mantel. Ihr Dackel kann fast nicht Schritt halten mit seinen Stummelbeinchen. Ein Herr im gestreiften Anzug, ein schickes Lederköfferchen wippt in seiner Hand. Eine dünne Frau in einem blauen Kostüm, an jeder Hand ein quengelndes Kind. Das Gesicht des kleinen Jungen ist ganz rot vom Schreien. Anna staunt und seufzt. Sie sieht auf ihre grüne Armanduhr. Ein Geschenk ihrer Schwester, als stummer Hinweis, mehr aus ihrer Zeit zu machen.

Wieder sind fünf Minuten verstrichen. Und keine Spur von Fabian. Sie schaut auf den leeren Tisch vor sich und winkt der Bedienung. Sie wird – mal wieder – übersehen. Anna hat braune Haare und blaue Augen. Ihre weisse Bluse hat blaue Blümchen auf dem Kragen, der schwarze Rock ist zerknittert. Ein Kellner balanciert ein Tablett aus der Türe, Anna winkt ihm. Immerhin er sieht sie und nimmt ihre Bestellung auf. Nur einen Kaffee, Anna wird nachher mehr bestellen.

Siebzehn Minuten wartet Anna jetzt. Solange wie die Tram von ihrer Haltestelle bis zum Hauptbahnhof braucht. Anna liest nochmals die Nachrichten von Fabian. „Ich freue mich auf dich!“ schreibt er und drei Herzchen. Wo ist er dann, denkt Anna ärgerlich. Sie schaut hinaus auf den Fluss, das grüne Wasser kräuselt sich in der Sonne. Eine alte Frau füttert die Schwäne mit trockenem Brot. Ihre weissen Haare haben einen violetten Schimmer. Ist sie auch so alleine wie ich, fragt sich Anna. Ist ihr Leben auch so langweilig und leer?

Mit zwanzig wollte Anna eine Weltreise machen. Oder zumindest nach Südamerika. Alle ihre Freunde machten das. Sie wollte nur warten, bis sie genug Geld gespart hätte. Anna spart immer noch. Vielleicht könnte sie ja die Hochzeitsreise nach Südamerika machen.

Ihr Studium machte Anna, um Zeit zu gewinnen. Sie wusste noch nicht ganz genau, was sie machen sollte. Die Entscheidung konnte warten bis nach dem Bachelor Abschluss. Sie machte noch einen Master, damit sie mehr Zeit hätte für ihre Entscheidung. Man konnte ja soviel falsch machen bei so einer grossen Entscheidung. Ihre Freundinnen heirateten und bekamen Kinder. Anna wollte noch warten. Bis nach der Weltreise und bis sie endlich ihre grosse Liebe getroffen hätte. Manchmal lernte Anna einen Mann kennen und ging mit ihm ins Kino. Aber keiner passte richtig. Anna wollte immer warten, mit der gemeinsamen Wohnung, der Hochzeit. Sie musste doch sicher sein, sie musste doch erst ihr Leben ordnen. Den Männern dauerte das zu lange und sie verliessen Anna wieder.

Sie solle doch endlich einfach mal was machen! Das sagten ihre beste Freundin, ihr Vater, die Schwester, die Tante. Nur wusste Anna nicht was! Sie hatte Angst das Falsche zu wählen, lieber wartete sie! Keine Entscheidung ist auch Eine. Aber verlorene Zeit konnte man nicht wieder zurückholen, das wusste Anna. Nur ja nicht ihre Zeit vergeuden. Dabei verpasste sie ihr Leben.

Da! Das ist doch Fabian? Anna kneift die Augen hinter ihrer dunklen Sonnenbrille zusammen. Er kommt näher – Anna lässt enttäuscht die Schultern sinken. Er ist es nicht. Sie wartet. Er kommt nicht. Sie schreibt ihm eine Nachricht. Sie wartet. Dann ruft sie ihn an. Der Anruf geht erst ins Leere, dann kommt seine Mailbox. Hat er sie vergessen oder hat er seine Meinung geändert? Sie sucht eine Antwort auf dem Bild im Portal, wo sie Fabian kennen gelernt hat. Offen lacht er in die Kamera, seine grünen Augen strahlen, die schwarzen Haare sind etwas zerzaust und da und dort schon licht. Fabian ist drei Jahre älter als Anna. Er will vielleicht Familie schreibt er, aber vor allem sucht er seine grosse Liebe, seine Herzdame, mit der er Pferde stehlen kann, schreibt er. Wie abgedroschen!, denkt Anna nun auf einmal. Er schreibt nichts persönliches, findet sie plötzlich. Warum ist ihr das nicht aufgefallen? Ist sie etwa schon so verzweifelt? Zudem wohnt er nicht in der Stadt. Das stört Anna jetzt. Sein Lächeln findet sie nun etwas schief, gar nicht mehr so süss wie noch vor drei Tagen. Bestimmt ist er eh der Falsche, denkt sie. Ein Velokurier in knallroten Hosen braust vorbei. Sein Rucksack schwankt bedrohlich, bestimmt fallen alle Sushi Rollen durcheinander. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Anna fröstelt in ihrer dünnen Bluse, der Wind ist kühl. Noch fünf Minuten, denkt sie. Da! Sie sieht ein rotes Hemd in der Menge. Er würde ein rotes Hemd und eine blaue Aktentasche tragen, als Erkennungszeichen, schrieb er gestern. Das ist er. Rot und blau, das passt nicht, denkt sie. Anna steht hastig auf. Den gelben Schirm, ihr eigenes Erkennungszeichen, lässt Anna achtlos liegen. Sie hört eine Männerstimme ihren Namen rufen. Sie sieht sich nicht um, geht schneller und steigt in die Tram Nummer sieben, die neben ihr anhält.

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